Unterricht über den Völkermord an den Europäischen Juden (Holocaust, Shoah) ohne Holocaust-Überlebende

Zeitzeugenberichte von Überlebenden bilden seit langem in vielen Ländern einen festen Bestandteil des Unterrichts über den Holocaust. In formellen oder informellen Bildungskontexten, in Klassenzimmern, Museen und bei schulischen Gedenkstättenbesuchen, kamen und kommen regelmässig direkt Betroffene zu Wort.

Allerdings ist es heute in den meisten – wenn nicht allen – Ländern bereits Realität geworden, dass der Unterricht über den Holocaust ohne Überlebende und andere Zeitzeugen, welche Schulen besuchen und mit den Schülerinnen und Schülern sprechen können, stattfinden muss. Die demografischen Gegebenheiten bringen es mit sich, dass die jüngsten Überlebenden heute zwischen 70 und 80 Jahre alt sind. Viele, wenn nicht sogar die meisten, haben als versteckte Kinder überlebt, und haben deshalb keine eigene Erinnerung an die Lager oder an Widerstandsbewegungen. Die gleichen demografischen Fakten gelten für die «Gerechten unter den Völkern» und die «Befreier». Es bedarf deshalb anderer Unterrichtsmittel, die das persönliche Zeugnis von Überlebenden möglichst adäquat ersetzen können. Erfreulicherweise gibt es grosse Sammlungen von Oral History Überlieferungen, die für schulische Bildungszwecke nutzbar sind. Das USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education und andere Institutionen verfügen über solche Quellenbestände und machen diese auch zugänglich.

Selbstverständlich sind Augenzeugenberichte von Überlebenden nur ein Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Das Lernen von Geschichte stützt sich auf eine Vielzahl von Quellen, wobei Zeitzeugenberichte nur ein – wenn auch ein wichtiger – Bestandteil dieses Prozesses sind.

Augenzeugenberichte, so das USC Shoah Foundation Institute, können, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden, vieles bewirken:

  • der Geschichte ein Gesicht geben.
  • den Schülerinnen und Schülern Geschichte aus einer persönlichen Perspektive nahe bringen.
  • den Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften helfen, die Untauglichkeit von Stereotypen, Zerrbildern und Pauschalisierungen zu erkennen.
  • den Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften helfen, falsche Vorstellungen, die sie möglicherweise von dem behandelten Thema oder der behandelten Epoche hatten, zu korrigieren.
  • den Schülerinnen und Schülern helfen, das Informationspotenzial von Primärquellen zu erkennen.
  • die Schülerinnen und Schüler für die Unterscheidung zwischen Tatsachen und Meinungen und zwischen wesentlichen und nicht wesentlichen Informationen sensibilisieren.
  • den Schülerinnen und Schülern einen Zugang zum Verständnis historischer Vorgänge zu eröffnen.
  • den Schülerinnen und Schülern helfen, die langfristigen Auswirkungen extremer Verfolgung und traumatischer Erfahrungen zu verstehen.
  • die Schülerinnen und Schüler an neue und unterschiedliche Sichtweisen auf historische Themen, Ereignisse, Verläufe und deren Interpretation heranführen.

Diese Zeitzeugenberichte müssen im Rahmen des Lehrplans als Bestandteil des vermittelten Geschichtsbildes, des historischen Narrativs, als solches in den historischen Kontext eingebettet und durch entsprechende Dokumente flankiert werden. Die Schülerinnen und Schüler müssen mit dem Kontext vertraut gemacht werden, bevor sie die Augenzeugenberichte anschauen und anhören, und die Möglichkeit haben, diese anschliessend zu reflektieren.

Maria Ecker, die in Österreich für das Projekt «Das Vermächtnis» verantwortlich war, formuliert eine Reihe wertvoller Empfehlungen zum Einsatz von Berichten Überlebender, die insbesondere auch für videoaufgezeichnete Zeugnisse gelten:

  • Begreife die Einzigartigkeit der Quelle -Beschränkt sich der Einsatz von Zeugenberichten auf das blosse Anhören dessen, was der /die Überlebende erzählt, geht die vielleicht grösste Faszination solcher Interviews verloren. Wenn die Schülerinnen und Schüler ermutigt werden, aufmerksam hinzuschauen und zuzuhören, zu beobachten, wie jemand seine/ihre Geschichte erzählt (Gesichtsausdruck, Gestik, Sprache, Melodie...) können sie wertvolle Einblicke gewinnen.
  • Berücksichtige die Entstehungsgeschichte der Quelle -Die meisten audiovisuellen Zeitzeugenaufnahmen von Überlebenden stammen aus den 1990er-Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Überlebenden bereits alt und blickten zurück auf Ereignisse, die sich vor Jahrzehnten zugetragen hatten. Ausserdem sind solche Berichte immer das Ergebnis eines Kommunikationsprozesses: Der Interviewer übt durch seine Fragen und seine verbale und nonverbale Reaktion auf die Erzählung einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis aus. Auch die Interviewsituation wirkt sich auf die Atmosphäre und damit auf den Zeugenbericht aus.
  • Behandle die ganze Lebensgeschichte — Aus Zeitmangel ist dies oft im Unterricht nicht möglich, und so wird nur die Verfolgung thematisiert. Die Schülerinnen und Schüler möchten und sollten mehr über die Lebenswege der Überlebenden erfahren.

*Die Lehrkräfte sollten passende Segmente für die Sichtung und Besprechung während des Unterrichts auswählen. Die Schülerinnen und Schüler sollten jedoch dazu angeregt werden, dieselben Interviews zu größeren Teilen oder ganz selbständig außerhalb des Unterrichts anzuschauen.

Beispiele von Webseiten, die audiovisuelle Erlebnisberichte zum Herunterladen anbieten:

  • USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education http://college.usc.edu/vhi/  
  • Buenos Aires Shoah Museum www.museodelholocausto.org.ar
  • HOLOCAUSTUL www.idee.ro/holocaust
  • Mauthausen Memorial http://www.mauthausen-memorial.at/index open.phn

Beispiele von Websites für bewährte Praktiken:

  • Austria _erinnern.at (National Socialism and the Holocaust: Memory and Present) www.erinnern.at
  • Israel YadVashem International School for Holocaust Studies www.yadvashem.org
  • Romania HOLOCAUSTUL www.idee.ro/holocaust