Wie über den Holocaust in Schulen unterrichten

Für kein Thema gibt es nur einen einzig "richtigen" Weg, Unterricht zu gestalten, nur eine einzige ideale Methodik, die gleichermaßen für alle Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler geeignet ist. (Im folgenden um der Lesbarkeit willen werden die Begriffe „Lehrer" und „Schüler" verwendet.) Nachstehend werden Empfehlungen und Anregungen vermittelt, die für die Unterrichtsgestaltung der Lehrerunter Berücksichtigung spezifischer Bedingungen und Lernbedürfnisse ihrer Schülernützlich sein können. Sie stützen sich auf das Fachwissen einer Reihe von Institutionen, die Erfahrungen im Unterricht über den Holocaust haben. Dabei sollen sowohl Probleme angesprochen werden, die Lehrer haben, wenn sie sich mit diesem sehr schwierigen Thema befassen, als auch mögliche Lösungen aufgezeigt werden.

Der Unterricht über den Holocaust stützt sich auf Fortschritte in der Forschung und hat sich in den letzten drei Jahrzehnten erheblich verändert. In diesem Leitfaden soll sich der fortlaufende Prozess der Entwicklung und Verbesserung der Didaktik und Methodik spiegeln. Sie sind deshalb keineswegs als abschließende Stellungnahme zu diesem Thema gedacht.


Überblick

(Um zu detaillierten Erläuterungen und weiteren Hinweisen zu gelangen, klicken Sie bitte auf den jeweiligen Link)

  • Das Thema Holocaust kann Schülern erfolgreich vermittelt werden. Haben Sie keine Angst, dieses Thema im Unterricht zu behandeln
  • Definieren Sie den Begriff Holocaust
  • Schaffen Sie ein positives Lernumfeld im Kontext einer, schülerorientierten und auf aktive Aneignung ausgerichteten Didaktik
  • Individualisieren Sie das Geschehene, indem Sie Statistiken in persönliche Geschichten übersetzen
  • Zeitzeugenberichte machen die Geschichte für Schüler fassbar und anschaulich
  • Ein fächerübergreifender Ansatz kann dazu beitragen, dass Ihre Schüler den Holocaust besser verstehen
  • Stellen Sie das Geschehen in einen größeren Zusammenhang
  • Vermitteln Sie dieses Thema umfassend und differenziert
  • Seien Sie präzise in Ihrem Sprachgebrauch und achten Sie darauf, dass Ihre Schüler es ebenfalls sind
  • Unterscheiden Sie zwischen der Geschichte des Holocaust und den Lehren, die aus dieser Geschichte gezogen werden können
  • Vermeiden Sie einfache Antworten zu einem komplexen historischen Geschehen
  • Machen Sie den Schülern historische Quellen zugänglich
  • Den Schülern sollte deutlich werden, dass zahlreiche Dokumente und Zeugnisse für den Holocaust von den Tätern stammen
  • Halten Sie Ihre Schüler an, unterschiedliche Interpretationen des Holocaust kritisch zu analysieren
  • Achten Sie darauf, geeignete schriftliche und visuelle Materialien zu verwenden und setzen Sie Bilder, auf denen die Opfer des Holocaust auf besonders schreckenerregende Weise abgebildet sind, nicht als Mittel ein, um Ihre Schüler für das Studium des Holocaust zu interessieren
  • Vermeiden Sie es, das Leiden einer Opfergruppe mit dem einer anderen zu vergleichen
  • Geben Sie Ihren Schülern die Möglichkeit, die vielfältigen Reaktionen der Opfer zu untersuchen, einschließlich der zahlreichen Formen von Widerstand gegen die Nationalsozialisten
  • Achten Sie darauf, auf Juden nicht nur im Zusammenhang mit dem Holocaust einzugehen
  • Weisen Sie darauf hin, dass der Holocaust nicht unvermeidbar war
  • Versuchen Sie nicht, die Tatmotive zu simplifizieren, indem Sie die Täter als "inhumane Monster" darstellen
  • Unterscheiden Sie sorgfältig zwischen den Tätern in der Vergangenheit und den heutigen Gesellschaften in Europa und anderenorts
  • Regen Sie Ihre Schüler an, sich mit der lokalen, regionalen, nationalen und globalen Geschichte und den jeweiligen Erinnerungskulturen zu befassen
  • Motivieren Sie Ihre Schüler, sich an nationalen und lokalen Traditionen des Gedenkens und der Erinnerung zu beteiligen und darüber nachzudenken
  • Wählen Sie geeignete Lernformen aus und vermeiden Sie Simulationen, die Schüler anregen, sich mit Tätern oder Opfern zu identifizieren
  • Vermeiden Sie es, die Leugnung der Vergangenheit (ungewollt) zu erleichtern und zu rechtfertigen
  • Seien Sie sich der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen aller Unterrichtsmedien, auch des Internets, bewusst
  • Unterscheiden Sie zwischen historischen und zeitgenössischen Ereignissen und vermeiden Sie ahistorische Vergleiche
  • Zeigen Sie Verständnis für die Situation Ihrer Schüler und gehen Sie auf ihre Anliegen ein

Das Thema Holocaust kann Schülern erfolgreich vermittelt werden; haben Sie keine Angst, dieses Thema im Unterricht zu behandeln

Viele Lehrer scheuen davor zurück, die Geschichte des Holocaust mit ihren Schülern zu erforschen, da sie Schwierigkeiten bei der Behandlung dieses Themas befürchten. Sie fühlen sich überfordert, wenn sie vermitteln sollen, welches Ausmaß diese Tragödie hatte, wie ungeheuer viele daran beteiligt waren und wie tief die Menschheit sinken kann. Sie fragen sich, wie ihre Schüler von dem Schrecken berührt werden können, ohne dass sie traumatisiert werden. Sie machen sich Sorgen über die möglichen Reaktionen ihrer Schüler auf dieses Thema und sind zudem unsicher, wie sie mit "unangemessenem" Verhalten im Unterricht, beispielsweise Lachen oder antisemitischen und rassistischen Bemerkungen, umgehen sollen.

Diese Bedenken sollten für Sie kein Grund sein, das Thema zu vermeiden. Die Erfahrung lehrt, dass der Holocaust Schülern erfolgreich vermittelt werden kann und dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema in vieler Hinsicht zu sehr positiven Ergebnissen führen kann.


Definieren Sie den Begriff Holocaust

Eine klare und eindeutige Definition des Begriffs Holocaust ist wichtig. Viele Lehrer verwenden diesen Begriff in einem sehr weiten Sinne, so dass alle Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten einbezogen werden. Doch heutzutage benutzen die meisten Historiker eine engere Definition. (Siehe hierzu die Empfehlungen „Was soll unterrichtet werden?").

Die Schüler sollten sich bewusst machen, dass der Begriff "Holocaust" für viele Menschen problematisch ist. Der griechische Begriff „Holocaust" meinte ein biblisches Brandopfer, und seine Verwendung könnte heute den Massenmord an Juden zu einem Märtyrertod verklären. Aber es gab nichts „Heiliges" am Holocaust. Andere Begriffe sollten ebenfalls mit Bedacht gewählt werden. Wenn man von der "Endlösung" spricht, benutzt man die Sprache der Mörder. Viele benutzen lieber das hebräische Wort "Shoah" - es bedeutet „Katastrophe" -, das nicht mit religiöser Bedeutung befrachtet ist.


Schaffen Sie ein positives Lernumfeld im Kontext einer schülerorientierten und auf aktive Aneignung ausgerichteten Didaktik

Der Holocaust stellt viele Annahmen Jugendlicher über Gesellschaft, Fortschritt, Zivilisation und menschliches Verhalten in Frage. Schüler können Abwehrreaktionen, negative Gefühle oder Unwillen zeigen, sich genauer mit der Geschichte der nationalsozialistischen Periode oder des Holocaust zu befassen. Deshalb ist eine vertrauensvolle Atmosphäre wichtig, damit derartige Fragen offen angesprochen und erörtert werden können.

Ein offenes Lernumfeld bietet den Schülern Raum und Zeit nachzudenken und ermutigt sie, Fragen zu stellen, ihre Gedanken und Ängste zu erörtern, Vorstellungen, Meinungen und Bedenken auszutauschen.

Lernen sollte schülerorientiert sein. Dabei kann die Rolle des Lehrers darin bestehen, Hilfestellung zu leisten statt zu dozieren, und Jugendliche sollten zu aktivem Lernen angeregt werden. Geschichte mehr als bloßes Wissen, das nur von Lehrern an Schüler „vermittelt" werden muss. Sie sollte eine Entdeckungsreise sein, auf der Jugendliche ihre eigenen Forschungswege finden, eine Vielfalt von Informationsquellen analysieren, unterschiedliche Interpretationen und Darstellungen von Ereignissen in Frage stellen und ihre eigenen Antworten auf anspruchsvolle historische und moralische Fragen finden.


Individualisieren Sie das Geschehene, indem Sie Statistiken in persönliche Geschichten übersetzen

Statistische Untersuchungen sind wichtig und Lehrer sollten einen Weg finden, um ihren Schülern das Ausmaß des Holocaust und die damit verbundenen Zahlen zu verdeutlichen. Aber Jugendliche können die Tragödie des Holocaust nicht begreifen, wenn sie nur durch statistische Angaben vermittelt wird.

Den Schülern sollte die Möglichkeit gegeben werden, die von den Nationalsozialisten Verfolgten nicht nur als gesichtslose Masse von Opfern wahrzunehmen, sondern als Einzelpersonen. Verwenden Sie Fallstudien, Zeugnisse von Überlebenden, Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit, um die Erlebnisse der Menschen zu verdeutlichen und sicherzustellen, dass die Schüler verstehen, dass hinter jedem "statistischen Fall" eine Person steht, ein Individuum mit einem Leben vor dem Holocaust, mit Freunden und Familie. Heben Sie immer die Würde der Opfer hervor.

Eine Erforschung des Holocaust, die stereotype Ansichten nicht in Frage stellt - etwa dass alle Täter verrückt oder sadistisch, alle Retter heroisch, gut und freundlich und alle Zuschauer teilnahmslos waren - läuft Gefahr, die Akteure der Vergangenheit zu entmenschlichen und sie als Karikaturen statt als wirkliche Menschen darzustellen.

Wenn Lehrer sich auf die Geschichten einzelner Menschen konzentrieren, auf moralische Dilemmata und Entscheidungen, die getroffen wurden, können sie die Geschichte des Holocaust für Jugendliche direkter erfahrbar und vorstellbarer machen und damit eine Verbindung zum heutigen Leben herstellen.


Zeitzeugenberichte machen die Geschichte für Schüler fassbar und anschaulich

In vielen Ländern gibt es noch Überlebende des Holocaust. Wenn es Ihnen gelingt, mit diesen Kontakt aufzunehmen und sie in Ihren Unterricht einzuladen, haben Sie die Möglichkeit, Ihren Schülern eine besondere und beeindruckende Bildungserfahrung zu vermitteln. Einem Menschen zu begegnen, der das Unvorstellbare erlebt hat, kann echtes Mitgefühl erzeugen. Eine Reihe von Organisationen kann Ihnen dabei helfen, die Teilnahme einer Überlebenden oder eines Überlebenden an Ihrem Unterricht zu organisieren.

Jedoch wird es im Laufe der Zeit immer schwieriger werden, Ihren Schülern diesen direkten persönlichen Kontakt zu ermöglichen. Deshalb sollten Sie überlegen, Videoaufzeichnungen einzusetzen, um persönliche Geschichten des Holocaust zu vermitteln. Andere Personen, die direkt in den Holocaust verwickelt waren, oder unmittelbare Zeugen der Ereignisse waren, können ebenfalls eindrucksvolle Zeugnisse liefern. Wenn Sie Retter, Befreier und andere in Ihren Unterricht einladen können, dann werden deren persönliche Geschichten das Verständnis Ihrer Schüler für den Holocaust ebenfalls erheblich steigern.

Wenn Sie beschließen, jemanden in Ihren Unterricht einzuladen, um über seine persönlichen Erfahrungen zu sprechen, klären Sie mit ihr/ihm vor dem Unterricht Ihre pädagogischen Zielsetzungen und stellen Sie sicher, dass sie/er fähig ist, zu Gruppen zu sprechen.

Bereiten Sie Ihre Klasse auf das Gespräch vor, um sicherzustellen, dass Ihre Schüler dem Zeitzeugen / der Zeitzeugin mit Respekt und Wertschätzung begegnen. Die Schüler sollten verstehen, dass es für die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen trotz der langen Zeit, die seit diesen Ereignissen verstrichen ist, immer noch qualvoll sein kann, über derartig intensive persönliche Erfahrungen zu berichten.

Ihre Schüler sollten bereits solide geschichtliche Grundkenntnisse haben. Die Möglichkeit, Zeitzeugen zu treffen, sollte nicht vorrangig eingesetzt werden, um geschichtliche Fakten zu vermitteln, denn Zeitzeugen sind zum größten Teil keine ausgebildeten Historiker oder Lehrer und ihre Erfahrungen sind möglicherweise nicht repräsentativ. Vielmehr geht es darum, dass Ihre Schüler das seltene Privileg haben, jemandem zu begegnen, der in dieser Zeit lebte und der seine einzigartigen persönlichen Erfahrungen erzählt.

Ermutigen Sie Ihre Schüler , Überlebende zu fragen, was ihnen widerfuhr und was sie erlebten, aber auch wie ihr Leben vor und nach dem Holocaust verlaufen ist, damit sie Verständnis für diese Menschen entwickeln und dafür, wie sie versucht haben, mit ihren Erfahrungen zu leben.

Wenn es auch nicht möglich ist, einzig auf der Grundlage der der Geschichte einer Person allgemeine Rückschlüsse zu ziehen, so kann ein Treffen mit einem Überlebenden des Holocaust, mit einem Retter oder Befreier doch dazu beitragen, dass diese historischen Ereignisse für Ihre Schüler konkreter und anschaulicher werden, und es kann deutlich machen, dass diese Tragödie ganz normale Menschen betroffen hat.


Ein fächerübergreifender Ansatz kann dazu beitragen, dass Ihre Schüler den Holocaust besser verstehen

Die Ereignisse des Holocaust berühren so viele Aspekte menschlichen Verhaltens, dass sie für mehrere Fächer von Bedeutung sind. Auch wenn ein klares Verständnis der Geschichte Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust sein muss, besitzen Historiker kein Monopol auf dieses Thema. Kreativ Verbindungen zwischen den Fächern herzustellen, kann zu einem besseren Unterrichtskonzept führen, da diese verschiedene Erfahrungsbereiche einbeziehen und den Holocaust aus vielfältigen Perspektiven betrachten. So kann man auf Erkenntnissen und Wissen aus anderen Unterrichtsstunden aufbauen.

Die Berichte über den Holocaust illustrieren die Extreme menschlichen Verhaltens: Hass und Grausamkeit, aber auch Mut und Menschlichkeit. Im Geschichtsunterricht etwas über den Holocaust zu lernen weckt starke Emotionen, die die Schüler beispielsweise über Literatur, Kunst und Musik kreativ ausdrücken können. Der Holocaust wirft wichtige ethisch-moralische und theologische Fragen auf, denen Ihre Schüler in den Fächern Religion, Ethik, Sozialkunde oder Politische Bildung nachgehen können.


Stellen Sie das Geschehen in einen größeren Zusammenhang

Das Geschehen des Holocaust muss im Rahmen der europäischen und der Weltgeschichte insgesamt untersucht werden, um den Schülern eine Perspektive auf die vorangehenden Ereignisse und die Umstände, die zu dem Geschehen beigetragen haben, zu vermitteln.


Vermitteln Sie dieses Thema umfassend und differenziert

Der Holocaust war ein Prozess, der je nach Land und Zeit unterschiedliche Formen annahm. Sehen Sie hierzu die Empfehlungen der Task Force zum Thema "Was soll unterrichtet werden?".


Seien Sie präzise in Ihrem Sprachgebrauch und achten Sie darauf, dass Ihre Schüler es ebenfalls sind

Da es viele Unklarheiten und Mythen über den Holocaust gibt, kann es sein, dass Schüler dieses Thema mit vorgefassten Meinungen angehen. Unklarheiten in Ihrem Sprachgebrauch können dazu beitragen, dass falsche Auffassungen beibehalten werden.

Vermeiden Sie es, die Sprache der Täter zu benutzen, die deren Auffassung widerspiegelt. Begriffe wie "Endlösung" können zwar erwähnt und kritisch analysiert werden, aber sie sollten nicht zur Beschreibung des historischen Ereignisses benutzt werden.

Definitionen sind wichtig, da sie Genauigkeit und klares Denken erfordern. Ein Beispiel ist der Gebrauch des Begriffs "Lager". Auch wenn Menschen in vielen Lagern starben, die von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren eingerichtet wurden, wurden nicht alle Lager in der Absicht gebaut, sie als Tötungszentren zu benutzen. Es gab außer den Vernichtungslagern auch Konzentrationslager, Zwangsarbeiterlager und Transitlager, um nur einige Lagertypen zu nennen. Verschiedene Lager hatten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Funktionen. Es ist wichtig, dass Lehrer sich ganz genau ausdrücken, wenn sie diese Funktionen und Lebensbedingungen beschreiben, und dass sie vermeiden, zu allgemein von "Lagern" sprechen.


Unterscheiden Sie zwischen der Geschichte des Holocaust und den Lehren, die daraus gezogen werden können

Unterscheiden Sie sorgfältig zwischen der Geschichte des Holocaust und den moralischen Lehren, die man daraus ziehen kann. Es besteht die Gefahr, dass die Geschichte verfälscht wird, wenn sie zu sehr vereinfacht oder auf diejenigen moralischen Lehren zugeschnitten wird, die die Schüler nach Meinung der Lehrenden daraus ziehen sollten.

Die Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen kann Jugendliche für heutige Vorurteile und Ungerechtigkeiten sensibilisieren. Schüler können darüber hinaus mit Stereotypen, Mythen und falschen Auffassungen konfrontiert und in die Lage versetzt werden, historische Beweise vorgefassten Meinungen gegenüberzustellen. Moralische Lehren können nur gut fundiert sein, wenn sie auf dem genauen und objektiven Erfassen des historischen Geschehens aufbauen.

Das Studium der Geschichte kann den Schüler die Komplexität des Holocausts verdeutlichen. Sie sollen mit den realen Dilemmata konfrontiert werden, denen die Menschen in der Vergangenheit gegenüberstanden und in denen sie zu Entscheidungen gezwungen waren. Nur dann kann das Handeln (und auch das Nicht-Handeln) von Menschen aus ihrer eigenen Zeit heraus gesehen werden und nur dann können wir einen Ansatzpunkt finden, um wertvolle Lehren für heute daraus zu ziehen.


Vermeiden Sie einfache Antworten zu einem komplexen historischen Geschehen

Mit dem Wunsch "Lehren zu ziehen" begibt man sich in die Gefahr, den Holocaust auf allzu simple Art zu erklären, ohne die historischen Zusammenhänge zu berücksichtigen, in denen Entscheidungen getroffen wurden. Ein derartiges Vorgehen kann die Einsicht der Schüler in komplexe Ereignisse auf schlichte Lehren über falsch oder richtig reduzieren - "der Holocaust fand statt, weil die Menschen nicht die richtigen moralischen Entscheidungen trafen" - und dies kann zu einem oberflächlichen Verständnis der Geschichte führen.

Die Schüler sollten zunächst einmal historischen Fragen nachgehen. Sie können sich zum Beispiel damit befassen, inwiefern und warum sich das Schicksal der Juden in verschiedenen Ländern so unterschiedlich gestaltete; auch kann erforscht werden, wie sich das deutsche Besatzungsregime von Land zu Land unterschied. Derartige Untersuchungen führen unvermeidlich zu ethischen Fragen. Dabei sollten die Schüler angehalten werden, die Vergangenheit ohne Überheblichkeit zu betrachten. Es ist einfach, diejenigen zu verdammen, die sich weigerten, ihre jüdischen Nachbarn zu verstecken oder ihnen zu helfen, aber einfache moralische Urteile über diese Zuschauer werden weder zu einem vertieften Geschichtsverständnis führen, noch unsere Schüler zu besseren Staatsbürgern machen.

Angesichts der Komplexität dieser Geschichte sollten die Schüler die Möglichkeit haben, sich auch eingehend mit den Dilemmata der Retter zu befassen, die jeden Tag darüber entscheiden mussten, ob sie weiterhin ihr Leben und das ihrer Familien riskieren sollten, um denjenigen zu helfen, die sie versteckten; sie sollten untersuchen, warum die Alliierten nicht mehr taten, um die Juden zu retten; warum einige der Judenräte Listen zur Deportation ihrer jüdischen Mitmenschen in die Todeslager erstellten; warum die meisten Menschen in den besetzten Ländern nichts taten, um ihren jüdischen Nachbarn zu helfen; warum gewöhnliche Männer und Frauen bereitwillig den Massenmord ausführten.

Dieses komplexe Thema führt nicht immer zu einfachen Antworten, viel häufiger ergeben sich daraus weitere Fragen anstelle von Antworten. Jugendliche sollten sich bewusst machen, dass es auf einige Fragen keine Antworten gibt.


Machen Sie Ihren Schülern historische Quellen zugänglich

In Briefen, Tagebüchern, Zeitungen und Reden, Kunstwerken, Verordnungen, Befehlen und offiziellen Dokumenten der Zeit zeigen sich die Täter, Opfer, Retter und Zuschauer. Jede sinnvolle Erforschung der Motivationen, Gedanken, Gefühle und Handlungen der Menschen in der Vergangenheit und auch jeder ernsthafte Versuch zu verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und wie Ereignisse wirklich stattfanden, muss sich auf Primärquellen stützen.

Die Schüler sollten die Möglichkeit haben, kritisch Originalquellen zu analysieren und zu verstehen, dass Analyse, Interpretation und Urteil auf einem soliden Verständnis des historischen Beweismaterials aufbauen müssen.


Den Schülern sollte deutlich werden, dass zahlreiche Dokumente und Zeugnisse für den Holocaust von den Tätern stammen

Viele Beweise für den Holocaust - seien es Schriftstücke, Fotografien oder Filme - wurden von den Nationalsozialisten selbst hergestellt, so dass die Gefahr besteht, dass die Vergangenheit nur durch die Augen der Täter gesehen wird. Wenn dieses Material nicht sorgfältig eingesetzt wird, besteht die Gefahr, dass wir die Opfer sehen, wie die Nationalsozialisten sie sahen, verdinglicht, erniedrigt und entmenschlicht.

Derartige Belege müssen in den richtigen Kontext gestellt werden und die Lehrer müssen die kognitive und emotionale Reife der Lernenden berücksichtigen und sicherstellen, dass Bildern angemessen verwendet werden; dass die Schüler auf die möglichen emotionalen Wirkungen gut vorbereitet sind und dass ihnen Raum gegeben wird, ihre Reaktionen anschließend zu überdenken und zu erörtern.

Es sollte darauf geachtet werden, dass diesen Dokumenten und Fotografien der Täter Tagebücher, Briefe, Fotografien und andere Unterlagen der Opfer gegenüber gestellt werden. Ihre Stimmen sollen gehört werden.


Halten Sie Ihre Schüler an, unterschiedliche Interpretationen des Holocaust kritisch zu analysieren

Jeder Unterricht wird von einem breiten kulturellen Kontext beeinflusst, und der Holocaust hat in vielfältigen Formen Eingang in das öffentliche Bewusstsein gefunden. Wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Geschichtserzählungen, Spielfilme, die Massenmedien, Dokumentarfilme, Kunst, Theater, Literatur, Gedenkstätten und Museen formen das kollektive Gedächtnis. Jede Deutung wird von den Umständen, unter denen sie hervorgebracht wird, beeinflusst und kann ebensoviel über Zeit und Ort ihrer Entstehung aussagen wie über die Ereignisse, die sie darstellt.

Es ist wichtig, dass Schüler sich bewusst machen, wie und warum derartige Darstellungen der Vergangenheit hergestellt werden, nach welchen Kriterien die Quellen, auf die sie sich stützen, ausgewählt wurden und welche Absichten diejenigen verfolgten, die sie entwickelten und formulierten. Die Schüler sollten verstehen, dass legitimer Streit über manche historische Aspekte nicht bedeutet, dass alle Deutungen die gleiche Geltung beanspruchen könnten (siehe Vermeiden Sie es, die Leugnung der Vergangenheit (ungewollt) zu rechtfertigen).


Achten Sie darauf, geeignete schriftliche und visuelle Materialien zu verwenden und setzen Sie Achten Sie darauf, geeignete schriftliche und visuelle Materialien zu verwenden und setzen Sie Bilder, auf denen die Opfer des Holocaust auf besonders schreckenerregende Weise abgebildet sind, nicht als Mittel ein, um Ihre Schüler für das Studium des Holocaust zu interessieren

Der bewusste Einsatz von Bildern des Mordes und der Ermordeten, um zu schockieren und zu erschrecken, würdigt die Opfer herab und ist zugleich gefühllos gegenüber den Schülern. Achtung vor den Opfern des Holocaust und Rücksicht auf die ihnen anvertrauten Schüler gebieten ein sensibles Vorgehen und gründliches Nachdenken darüber, welches Material geeignet ist. Lehrer, die viel Zeit damit verbracht haben, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Schülern aufzubauen, gehen das Risiko ein, dass dieses Vertrauen erschüttert wird, wenn sie sie den schrecklichsten und verstörendsten Bildern aussetzen. Gerade dieses Material kann jene Anspannung und Verlegenheit verursachen, die im Unterricht zu unangemessenem Verhalten führen.

Der Holocaust kann eindringlich dargestellt werden, ohne Fotografien von Bergen nackter Leichen einzusetzen. Außerdem kann die übermäßige Verwendung derartiger Bilder schädlich sein. Schock und Abwehr führen zu keiner wertvollen Lernerfahrung. Solches Vorgehen kann stattdessen sogar einen entmenschlichenden Effekt haben und das Bild von Juden als bloßen Opfern verstärken.

Lehrer sollten solche Fotografien nur einsetzen, wenn das für die Schüler einen klar erkennbaren pädagogischen Nutzen hat.


Vermeiden Sie es, das Leiden einer Opfergruppe mit dem einer anderen zu vergleichen

Wenn die allgemein gültigen Lehren aus der Untersuchung dieser Epoche wirklich verstanden werden sollen ¬- wenn wir argumentieren, dass Jugendliche durch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust für Verfolgung, Diskriminierung und Hass in der Welt von heute sensibilisiert werden sollen - dann sollten die Erfahrungen aller Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und der ideologische Hintergrund dieser Verfolgung in Ihren Unterrichtaufgenommen werden.

An der Besonderheit der jüdischen Verfolgungserfahrungen können wir die aus dem Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten resultierende Diskriminierung, Entrechtung, Beraubung und Ermordung der Juden kennen lernen, . Doch müssen wir für andere Beispiele von Hass und Intoleranz - die ebenso relevant für die moderne Gesellschaft sind -unseren Blickwinkel erweitern: auf die Verfolgung und den Mord an Roma und Sinti, Homosexuellen, Kommunisten, politischen Dissidenten und sozial Unangepassten durch die Nationalsozialisten.

Das Leiden aller Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten muss ohne Relativierung der jüdischen Erfahrung behandelt werden. Es darf keine Hierarchie des Leidens geben, weder in der Geschichte der NS-Zeit noch zwischen dem Holocaust und anderen Völkermorden.

Die Erfahrungen der "anderen Opfer" sollten nicht auf eine Zusatzstunde verschoben werden, in der jede dieser einzelnen Gruppen behandelt würde, als ob sie gleich wären. Stattdessen sollte die Geschichte dieser Gruppen in die Berichte über die Verfolgung des jüdischen Volkes einbezogen werden, beispielsweise könnten die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Völkermord an den Juden und dem an Roma und Sinti untersucht werden; auch die Kontinuität zwischen dem „Euthanasie"-Programm und den Todeslagern in Osteuropa hinsichtlich des Personals und der angewandten Methoden können zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden.

Eine derartige Vorgehensweise sollte nicht nur der Verfolgung anderer Opfer Raum geben, sie sollte auch zu einem Verständnis der Besonderheit der jüdischen Erfahrungen beitragen und dabei helfen, den Holocaust in einen weiteren historischen Kontext zu stellen. Ebenso wie es nicht möglich ist, den Massenmord am jüdischen Volk ohne den Kontext des Zweiten Weltkrieges zu erklären, ist es gleichermaßen unangemessen, diese Geschichte losgelöst von der Verfolgung anderer Opfergruppen zu untersuchen.


Geben Sie Ihren Schülern die Möglichkeit, die vielfältigen Reaktionen der Opfer zu erfahren und zu untersuchen, einschließlich der zahlreichen Formen von Widerstand gegen die Nationalsozialisten

Es gab zahlreiche Formen von Widerstand gegen die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, vom bewaffneten Kampf bis hin zu Versuchen, die menschliche Würde selbst unter den extremsten Bedingungen in den Ghettos und Lagern aufrecht zu erhalten. Die Opfer der Nationalsozialisten nahmen ihre Verfolgung nicht immer passiv hin. Es ist wichtig zu untersuchen, wie die Opfer reagierten, wie ihre Handlungsfreiheit begrenzt wurde und welche unterschiedlichen Formen des jüdischen Widerstandes gegen den Holocaust es gab.


Achten Sie darauf, auf Juden nicht nur im Zusammenhang mit dem Holocaust einzugehen

Die Ereignisse des Holocaust sollten in ihren historischen Kontext gesetzt werden. Unbedingt muss auch das Leben vor und nach dem Holocaust gezeigt werden, um der langen Geschichte und dem reichen kulturellen Erbe des Judentums gerecht zu werden. Es muss sichergestellt werden, dass die Schüler Juden nicht nur als ihrer Menschenwürde beraubte und erniedrigte Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten sehen. Jugendliche sollten sich des ernormen Verlusts bewusst werden, den die zeitgenössische Weltkultur durch die Vernichtung der kulturell reichen und lebendigen jüdischen Gemeinden in Europa erlitten hat.


Weisen Sie darauf hin, dass der Holocaust nicht unvermeidbar war

Allein die Tatsache, dass ein historisches Ereignis stattfand und in Schulbüchern und Filmen dokumentiert wurde, bedeutet nicht, dass es eintreten musste. Der Holocaust fand statt, weil Einzelpersonen, Gruppen und Nationen Entscheidungen trafen, in bestimmten Situationen zu handeln oder nicht zu handeln. Wenn Sie sich auf diese Entscheidungen konzentrieren, können Sie Einblick in die Geschichte und die menschliche Natur gewinnen und die Schüler besser dabei unterstützen, kritisches Denken zu lernen.


Versuchen Sie nicht, Tatmotive zu simplifizieren, indem Sie die Täter als "inhumane Monster" darstellen

Der Holocaust war ein menschliches Ereignis mit menschlichen Ursachen. Es ist notwendig, alle, die in den Holocaust verwickelt waren, wieder "zu vermenschlichen": Opfer, Retter, Kollaborateure, Zuschauer und Täter müssen als normale menschliche Wesen in außergewöhnlichen Lebensumständen gesehen werden. Es geht dabei nicht darum, die Täter zu normalisieren, sondern zu erkennen, dass die meisten von ihnen nicht sadistische Psychopathen waren und dass „das Böse an sich" nicht als ausreichende Erklärung für den Holocaust dienen kann.

Die schwierigere Frage ist, wie es menschlich möglich war, dass sich normale Männer und Frauen, liebevolle Väter und Ehemänner bereitwillig an der Ermordung unschuldiger Männer, Frauen und Kindern beteiligen konnten.

Die Motivationen der Täter müssen gründlich untersucht werden. Die Schüler sollten Primärquellen, Fallstudien und individuelle Biografien benutzen, so dass sie bei der Erklärung des Handelns der Menschen gewichten können, welche Bedeutung Ideologie, Antisemitismus, Ehrgeiz, Gruppendruck, ökonomisch motivierter Opportunismus, kriminelle Psychopathologie und andere Faktoren jeweils einnahmen.


Unterscheiden Sie sorgfältig zwischen den Tätern in der Vergangenheit und den heutigen Gesellschaften in Europa und anderenorts

Die Schüler sollten nicht die Auffassung entwickeln, dass alle Deutschen Nationalsozialisten waren oder dass allein die Deutschen dazu veranlagt gewesen seien, einen Völkermord zu begehen. Sie sollten die Gelegenheit erhalten, unterschiedliche Reaktionen von Deutschen auf die nationalsozialistische Politik zu untersuchen, von der begeisterten Unterstützung, über Zusammenarbeit, Unzufriedenheit und Apathie bis zu aktivem Widerstand.

Achten sie darauf, zwischen dem Deutschland der Vergangenheit und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden. Die Ereignisse des Holocaust müssen in ihren historischen Kontext gesetzt werden, damit Menschen, Politik, Gesellschaft und Kultur des heutigen Deutschland klar unterschieden werden von denen der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Antisemitismus ist ein weltweites und jahrhundertealtes Phänomen. Es gab zahlreiche nicht-deutsche Täter und bereitwillige Kollaborateure in ganz Europa. Menschen anderer Nationalität dienten in Einheiten, die mit der SS zusammenarbeiteten oder waren als KZ-Wächter tätig; heimische Polizei unterstützte die Razzien und die Deportation von Juden in die Todeslager; manchmal lösten Einheimische Pogrome gegen ihre jüdischen Nachbarn aus oder verrieten versteckte Jüdinnen und Juden. Mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündete Regierungen unterstützten aus eigenem Antrieb die Mörder.


Regen Sie Ihre Schüler an, sich mit der lokalen, regionalen, nationalen und globalen Geschichte und den jeweiligen Erinnerungskulturen zu befassen 

Wenn Sie in einem Land leben, in dem der Holocaust stattgefunden hat, stellen Sie die spezifischen Ereignisse dort in den Rahmen der nationalen Geschichte dieser Zeit, ohne dabei die europäische Dimension des Holocaust außer Acht zu lassen. Dabei sollten Erfahrungen von Opfern, Rettern, Tätern, Kollaborateuren, Widerstandskämpfern und Zuschauern einbezogen werden; auch sollte untersucht werden, inwieweit all diese Erfahrungen in das lokale, regionale oder nationale Gedächtnis und die geschichtliche Narrative eingegangen sind.

Wenn Sie in einem Land leben, dass zu den Alliierten gehörte oder während des 2. Weltkriegs neutral war, regen Sie Ihre Schüler an, die nationalen Erzählungen über diese Zeitspanne zu überprüfen. Warum nahmen diese Länder in den Jahren zwischen 1930 und 1940 nicht mehr Flüchtlinge auf? Warum machten die Alliierten die Rettung von Juden nicht zu einem ihrer Kriegsziele? Hätte mehr getan werden können, um die Juden Europas zu retten?


Motivieren Sie Ihre Schüler, an nationalen und lokalen Traditionen der Erinnerung und des Gedenkens mitzuwirken und darüber nachzudenken

Gedenktage und -veranstaltungen bieten Gelegenheit zu Projekten unter Beteiligung von Angehörigen verschiedener Generationen. Sie fördern in den Familien die Diskussion über ähnliche aktuelle Fragen und erleichtern andere Formen gemeinsamen Lernens.

Solche Projekte führen auch dazu, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust nicht nur im Klassenzimmer, sondern in einem lokalen und regionalen Rahmen stattfindet. Darüber hinaus können solche Veranstaltungen selbst Forschungs- und Lerngegenstand werden. Schüler können ermuntert werden, darüber nachzudenken, wie kulturelle Faktoren das Gedächtnis und Gedenkstätten beeinflussen und gestalten, wie ihre Umgebung über ihre Vergangenheit nachdenken will, wie verschiedene Gruppen Geschichte selektiv wahrnehmen und ihre eigenen Erzählungen konstruieren; ob ihre Nation sich mit schwierigen Aspekten der nationalen Geschichte befasst und wie sich dieses Gedenken von dem in anderen Ländern unterscheidet.


Wählen Sie geeignete Lernformen aus und vermeiden Sie den Einsatz von Simulationen, die Schüler anregen, sich mit Tätern oder Opfern zu identifizieren

Zwar können auf Empathie zielende Aufgaben, indem man menschliche Erfahrungen und Reaktionen auf Ereignisse in der Vergangenheit herausstellt, einen wirksamen Weg darstellen, um Jugendliche für Geschichte zu interessieren, doch muss man bei der Auswahl solcher Aufgaben sehr vorsichtig sein, wenn es um ein so sensibles Thema wie den Holocaust geht.

Es kann beispielsweise für Schüler hilfreich sein, sich in die Rolle von jemandem aus einem neutralen Land zu versetzen, der auf diese Ereignisse reagiert: ein Journalist, der für seine Zeitung einen Artikel über die Verfolgung von Juden schreibt, eine engagierte Bürgerin, die an ihren politischen Repräsentanten schreibt oder ein Aktivist, der die öffentliche Meinung mobilisieren will. Derartige Aufgaben können sehr motivierend sein und auch Handlungsmöglichkeiten verdeutlichen, die die Schüler bei Ereignissen ergreifen könnten, die sie in der Welt von heute betreffen.

Die Lehrer müssen sich jedoch bewusst sein, dass sich einige Jugendliche möglicherweise mit den Ereignissen des Holocaust zu sehr identifizieren, von der Macht und sogar dem "Glamour" der Nationalsozialisten berauscht sind oder eine morbide Faszination für das Leiden der Opfer zeigen. Hier liegt die Gefahr beim kreativen Schreiben oder bei Rollenspielen, die die Schüler dazu bewegen, sich vorzustellen, sie seien direkt am Holocaust beteiligt. Bei einem interdisziplinären Zugang kann sich der Einsatz kreativer Ausdrucksformen von Schülern lohnen, aber die Lehrer sollten sich über ihre Ziele klar sein. Oft sind "empathische Übungen" geschmacklos und pädagogisch sinnlos, weil wir uns in Wirklichkeit wohl kaum - außer in einem höchst oberflächlichen Sinn - vorstellen können, was wir in Situationen empfinden würden, die so weit von unseren eigenen Lebenserfahrungen entfernt sind.

Derartige Methoden verblassen in ihrer emotionalen Wirkung ohnedies gegenüber echtem Mitgefühl, das viele Schüler empfinden können, wenn sie auf persönliche Geschichten, Fallstudien und Zeugnisse von Überlebenden stoßen.


Vermeiden Sie es, die Leugnung der Vergangenheit (ungewollt) zu erleichtern und zu rechtfertigen

Die Leugnung des Holocaust ist ideologisch motiviert. Die Strategie der Leugner läuft darauf hinaus, durch eine bewusste Verzerrung und Fehlinterpretation der historischen Belege Zweifel zu säen. Die Lehrer sollten sich davor hüten, die Leugner ungewollt durch ihre Beteiligung an einer falschen Debatte aufzuwerten.

Man muss darauf achten, den Leugnern keine Plattform zu bieten - behandeln Sie die Leugnung des Holocaust nicht als seriöses historisches Argument; versuchen Sie nicht, den Standpunkt der Leugner durch historische Argumentation und rationale Argumente zu entkräften.

Viele Lehrer vertreten jedoch die Auffassung, dass sich die Schüler auch mit dem Phänomen der Leugnung des Holocaust befassen müssen, entweder weil die Jugendlichen selbst diese Frage stellen oder weil Lehrer besorgt sind, dass die Schüler in einem anderen Rahmen auf diese Auffassungen treffen könnten und dann nicht auf rhetorische Techniken der Leugner und ihre Fähigkeit, zu verwirren und in die Irre zu führen, vorbereitet sind.

In diesem Fall sollte die Leugnung des Holocaust getrennt von seiner Geschichte behandelt werden. Es könnte das Thema einer eigenen Unterrichtseinheit sein, zu erarbeiten wie sich Formen des Antisemitismus mit der Zeit entwickelten, oder - im Rahmen etwa der Medienkunde - die Manipulationen, falschen Darstellungen und Verzerrungen zu untersuchen, die von bestimmten Gruppen für politische, soziale oder wirtschaftliche Zwecke eingesetzt werden.



Seien Sie sich der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen aller Unterrichtsmedien, auch des Internets, bewusst

Bilden Sie sich sorgfältig ein Urteil über die historische Genauigkeit und Korrektheit aller Unterrichtsmedien. In vielen Ländern sind Antisemitismus, Homophobie und die Ablehnung von Sinti und Roma weit verbreitet; sie können auch im Unterricht auftreten. Machen Sie sich bewusst, dass derartige Vorurteile unter Ihren Schülern verbreitet sein könnten und wählen Sie Ihre Unterrichtsmaterialien sorgfältig aus, damit sie nicht durch die Reproduktion nationalsozialistischer Propaganda und durch Gräuelbilder ungewollt eine negative Sicht auf die Opfer verstärken. Stellen Sie sicher, dass Ihre Unterrichtsmaterialien persönliche Geschichten und Fallstudien enthalten, die negative Stereotype in Bezug auf die Opfergruppen in Frage stellen und widerlegen.

Zusätzlich zu den gedruckten Materialien ist das Internet ein potentiell wertvolles Werkzeug für Pädagogik und Forschung. Jedoch ist bei der Nutzung des Internets sorgfältig vorzugehen, da es zahlreiche auf den ersten Blick glaubwürdige Websites gibt, die von Leugnern des Holocaust und Antisemiten geschrieben und betrieben werden. Lehrer sollten Jugendliche davor warnen und ihnen bewusst machen, dass einige Suchmaschinen unzuverlässige Ergebnisse liefern können; sie sollten Schülern dabei helfen, seriöse und zuverlässige Websites zu ermitteln.

Lehrer sollten deutlich machen, dass es notwendig ist, alle Informationsquellen kritisch zu beurteilen und den Kontext zu untersuchen, in dem sie konzipiert wurden. Halten Sie Ihre Schüler an, Fragen wie die folgenden zu stellen: Wer hat die Information geschrieben? Worauf zielt die Website? Wird eine bestimmte Absicht verfolgt? Wenn ja, wie beeinflusst dies die Auswahl und Darstellung der Informationen?

Empfehlen Sie zuverlässige Websites, die Sie geprüft haben. Die Websites der Organisationen, die im Internationalen Verzeichnis aufgeführt sind, könnten ein nützlicher Ausgangspunkt sein und jede von ihnen hat Links zu anderen seriösen Websites.



Unterscheiden Sie zwischen historischen und heutigen Ereignissen und vermeiden Sie ahistorische Vergleiche

Für viele Pädagogen liegt die Hauptmotivation zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust darin, dass Jugendliche für Ungerechtigkeit, Verfolgung, Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Hass in der Gegenwart sensibilisiert werden können. Der Holocaust wird häufig als moralischer Prüfstein, als Paradigma des Bösen, angesehen. Auch wenn solche universellen Lehren ein wichtiger Teil der Beschäftigung mit dem Holocaust sein können, sollten sich die Schüler über die Unterschiede zwischen Ereignissen klar werden, indem sie sowohl das Spezielle als auch das Universelle erkennen.

Es gibt heute eine Tendenz, den Begriff "Holocaust" als Kurzformel für alle Arten schrecklicher Ereignisse, Grausamkeiten und menschlicher Tragödien zu verwenden. Diese Tendenz beruht zum Teil auf sprachlich bedingtem Unvermögen, solche Ereignisse angemessen zu beschreiben, zum Teil auf einem Mangel an Information über den Holocaust und auf unzureichendem Verstehen seiner Geschichte. Leider wurde der Begriff „Holocaust" durch übermäßigen Gebrauch manchmal trivialisiert oder sogar verfälscht, und man läuft durch die unsachgemäße Verwendung dieses Begriffs Gefahr, die Verbrechen der Nationalsozialisten durch falsche Vergleiche zu relativieren.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust kann dazu führen, dass Jugendliche sinnvolle Vergleiche mit der heutigen Welt anstellen: Verletzungen der Menschenrechte, die unter den Nationalsozialisten stattfanden (insbesondere diejenigen, die in der Zeit vor dem Krieg begangen wurden) können sehr wohl mit heutigen Fällen von Stereotypisierung, Diskriminierung und Verfolgung verglichen werden.

Völkermord jedoch unterscheidet sich eindeutig und grundlegend vom Verlust von Bürgerrechten. Sicherlich gab es andere Fälle von Völkermord, und es ist legitim, beispielsweise zu fragen, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede es zwischen dem Holocaust und dem Völkermord in Ruanda gibt. Den Schülern sollte jedoch klar sein, dass nicht alle tragischen Ereignisse einen Völkermord darstellen, und sie sollten darauf achten, keine falschen Vergleiche anzustellen.

Vermeiden Sie oberflächliche Vergleiche und vermitteln Sie nicht den Eindruck, dass wir Entscheidungen darüber, wie wir uns heute verhalten sollen, einfach aus Ereignissen der Vergangenheit ableiten können. Wir leben in komplizierten Zeiten und leisten unseren Schülern einen schlechten Dienst, wenn wir sie glauben machen, dass die Lehren aus der Geschichte so klar und eindeutig sind, dass sie einfache Lösungen für die Gegenwart bieten.


Zeigen Sie Verständnis für die Situation Ihrer Schüler und gehen Sie auf ihre Anliegen ein

Schüler, die das Gefühl haben, dass das Leiden ihres eigenen Volkes oder ihrer Gruppe nicht angesprochen wurde, sträuben sich möglicherweise dagegen, sich mit der Verfolgung und der Ermordung anderer auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, sich mit solchen historischen Vorgängen wie der Geschichte des Rassismus, der Versklavung, Verfolgung oder Kolonialisierung zu befassen, die für Ihre Schüler besonders bedeutsam sind.

Einige Lehrer sind besorgt, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust Jugendliche dazu veranlassen könnte, fälschlicherweise die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten gleichzusetzen mit der Politik Israels in den palästinensischen Gebieten. Dies sollte jedoch kein Grund sein, Unterricht über den Holocaust zu vermeiden.

Wenn auch zu hoffen ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust Schüler für heutige Fälle von Ungerechtigkeit, Verfolgung, Voreingenommenheit und Verletzung der Menschenrechte sensibilisieren kann, sollten Lehrer doch darauf achten, dass die Geschichte nicht politisiert und der Holocaust nicht zur Förderung politischer Ziele und Kampagnen benutzt wird.

Die Lehrer müssen für die Gefühle und Meinungen von Schülern zu Fragen, die sie wirklich beschäftigen, offen sein. Sie sollten darauf vorbereitet sein, die Gründe für Konflikte in der heutigen Welt zu untersuchen, und Jugendliche sollten dabei die Möglichkeit haben, diese Fragen offen zu diskutieren. Aber es muss darauf geachtet werden, dass klar und eindeutig zwischen verschiedenen Konflikten sowie zwischen ihren Ursachen und ihrem jeweiligen Charakter unterschieden wird.

Natürlich möchten wir, dass unsere Jugendlichen aktive und engagierte Mitglieder der Gemeinschaft werden. Aber wenn man den Holocaust verwendet, um solch positive Einstellungen zu fördern, ohne den Schülern die Möglichkeit zu geben darüber zu diskutieren, wie sie auf jene Fragen und Probleme reagieren können, die für sie von aktuellem Interesse sind, kann dies kontraproduktiv sein und zu einem Gefühl der Hilflosigkeit führen. Sehen Sie in Ihrer Unterrichtsplanung ausreichend Zeit vor, um zusammen mit Ihren Schülern legitime und friedliche Formen des Handelns zu finden, die dann Ihren Schülern bei Problemen, die sie berühren, zur Verfügung stehen.